Das Pulver ist vielerorts verschossen
Analysten gelten gemeinhin als Optimisten. Man versucht, das Positive in einer Situation zu erkennen. Doch darf man die Augen nicht vor den Abwärtsrisiken verschliessen, und diese haben sich in den vergangenen Monaten verdächtig aufgetürmt. Als die People‘s Bank of China vergangene Woche am Devisenmarkt interveniert, um den Renminbi zu schwächen, löste dies an den Märkten ein mittelschweres Beben aus. Die Angst, dass es um die chinesische Konjunktur weit schlechter bestellt ist, als es die ohnehin ernüchternden Zahlen signalisieren, ist deutlich gestiegen. Eine harte Landung kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Zumal sich in den letzten Jahren eine riesige private Verschuldung aufgetürmt hat. Die privatwirtschaftliche Verschuldungsquote im Reich der Mitte ist eine der höchsten aller Schwellenländer.
Zugleich dunkelt sich das Umfeld für die einstigen Konjunkturlokomotiven zunehmend ein. Brasilien steckt in einer wirtschaftlichen und politischen Krise, Russland versinkt immer tiefer in der Rezession und von Indien oder Südafrika spricht schon seit Langem niemand mehr. Positive Wachstumsimpulse dürften von diesen Ländern auf absehbare Zeit nicht ausgehen. In Japan, Europa und den USA hellt sich das Konjunkturumfeld zwar auf, aber der Aufschwung ist vielerorts blutarm – es fehlt an einer breiten, mitreissenden Dynamik. Kommt hinzu, dass sich die Verschuldungslage vieler Länder in den Jahren nach der Lehman-Krise deutlich verschlechtert hat. In Grossbritannien und den USA haben sich die Staatsschulden in Relation zum BIP seit dem Jahr 2007 auf 110% fast verdoppelt. In Japan beläuft sich die Quote mittlerweile auf über 230%, in Italien auf 160%, in Portugal auf 148% und in Frankreich auf 122%. Was also, wenn sich der Konjunkturabschwung doch beschleunigen sollte? Vielen Ländern bliebe angesichts der horrenden Schuldenquoten wohl nichts anderes übrig, als sich schmerzhafte Sparprogramme aufzuerlegen. Griechenland lässt grüssen. Zugleich haben die grossen Notenbanken in den Jahren nach Lehman- und Eurokrise ihr Pulver grösstenteils verschossen. Die Zinsen am kurzen Ende liegen bereits seit Jahren nahe der Nulllinie; am langen Ende haben die Notenbanken in den USA, Europa, GB und Japan durch milliardenschwere Anleihenkaufprogramme (Quantitative Easing) die Zinsen ebenfalls auf ein kein für möglich gehaltenes tiefes Niveau gedrückt. Es bliebe wohl nur eines übrig: Die Notenbanken werden allerorts ihre Zurückhaltung aufgeben und über massive Asset-Käufe die Konjunkturmassnahmen der Regierung stützen – Währungskriege wären die unmittelbare Folge und werden aus unserer Sicht die langfristige Abwärtsspirale nur forcieren.
Konklusion:
Das Szenario einer erneuten globalen Rezession ist nicht unser Basisszenario (Wahrscheinlichkeit: <10%). Aber die Risiken sind in den letzten Monaten deutlich gestiegen.
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