„SimVestor“ für Börsenneulinge
Die Börsen sind vor allem für Neulinge nur schwer zu durchblicken. Wie und warum reagieren Aktienkurse auf Nachrichten, welche Rolle spielen die Notenbanken an den Märkten, warum ist ein starker Euro schlecht für die europäischen Finanzplätze und was hat es überhaupt mit einer Portfoliodiversifikation auf sich? Fragen, auf die erfahrene Börsianer schnell eine Antwort finden, die aber so manchen Börsenneuling schnell in die Verzweiflung treiben.
Die Deutsche Bank hat vor kurzem eine iPad-App lanciert, mit der Neulinge an den Kapitalmärkten die Funktionsmechanismen der Börsen spielerisch kennenlernen sollen. Unser Fazit vorweg: „SimVestor“, so der Name der App, ist gelungen und hat unsere Finanzredaktoren im Selbsttest überzeugt und phasenweise sogar begeistert. Zwar macht die App aus einem Börsenneuling keinen Profi, aber es vermittelt ein Grundverstehen über die Marktmechanismen an den Börsen.
Timing ist alles
Das Spiel beginnt ohne lange Einführung, learning by doing – so scheint das Motto der App-Entwickler gewesen zu sein. Zu Beginn kann mit sechs Aktien gehandelt werden, auf dem Konto stehen EUR 10‘000. Ein virtueller Newsticker, eine Unternehmensbeschreibung, ein virtuelles Nachschlagewerk, Charts und ein Kauf-Button – mehr braucht es für den Anfang nicht. Die ersten Nachrichten laufen über den virtuellen News-
ticker: „InterChem AG kann trotz Absatzplus Gewinn nicht steigern“, „Leitzins soll weiter auf dem aktuellen Niveau verharren“ oder „Dollar stärker, Euro sinkt, Exportwerte beflügelt“. Auch wenn diese Nachrichten tagtäglich über die echten Nachrichtenticker laufen, handelt es bei der App um eine simulierte Umgebung, erfundene Unternehmen und ausgedachte Kursverläufe, die auf realen Marktszenarien aufbauen. Der anfängliche Hinweis, nicht alles auf eine Karte zu setzen, erscheint mir als eine Selbstverständlichkeit – doch in der Realität wird dieser Grundsatz leider viel zu oft ignoriert.
Nun aber schnell die ersten Aktien gekauft: Ich fange klein an und kaufe 20 Aktien von… Das wird an dieser Stelle nicht verraten. Zugleich setze ich noch einen Zielkurs – ein sehr hilfreiches Instrument, dass man sich als Profi auch bei so manchem Online-Depot wünschen würde. Die Simulation startet. Die Chartverläufe werden über Tage und Wochen simuliert. Ich schliesse meine ersten Trades erfolgreich ab – nur bei einer Aktie verpasse ich den Zielkurs und lasse die Aktie weiter laufen… Am Ende sackt der Kurs ein, weil das Unternehmen mit dem niedrigen Leitzinsniveau stark zu kämpfen hat. Ich ziehe die Reissleine und verkaufe das virtuelle Papier mit einem Verlust. Das Gelächter meiner Kollegen ist mit jetzt schon gewiss. Auch in der Simulation ist das richtige Timing alles. Mit dem Fortgang des Spiels – insgesamt hat das Spiel 40 Spielstufen – steigt der Umfang und die Komplexität. Die Anzahl handelbarer Aktien steigt, das Thema Dividenden wird eingeführt und auch ETF- und Fonds-Investments werden möglich.
Plötzlich eine Nachricht von meiner SimVestor-Schwester, die für eine Geschäftsidee von mir gerne EUR 5‘000 leihen möchte. Liebes Schwesterherz, leider bin zu fast 100% investiert und eine Position aufzulösen, um in eine wenig renditeversprechende Geschäftsidee zu investieren, erscheint mir doch sehr wagemutig. Sorry Schwester, bei Geld hört die Freundschaft leider auf. Wahrscheinlich wird jetzt die Idee meiner virtuellen Schwester eine Erfolgsgeschichte a la Facebook. Man sollte eben doch immer etwas Liquidität auf der Hand haben, um auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren zu können.
Fazit:
„SimVestor“ ist eine sehr gelungene App, die auch auf der Redaktion grossen Anklang fand. Natürlich ist die „reale“ Börsenwelt noch weitaus komplexer und weniger verständlich als es die Simulation zeigen kann. Aber Börsenneulinge erhalten einen ersten Einblick in die Welt der Aktienkurse, Nachrichten und Erwartungen. Wer sich dem Thema Börse und Aktienanlage spielerisch nähern möchte, macht mit dem Download der App sicher keinen Fehler. Ein Profi ist man danach aber noch längst nicht.