
Prüfer sehen Hinweise auf massive Bilanzfälschung
Der 18. Juni 2020 wird dem Zahlungsdienstleister Wirecard noch lange in schlechter Erinnerung bleiben. Es war der Tag, an dem das Kartenhaus fast vollständig in sich zusammenbrach. Dabei hatte es vorher noch ganz anders getönt: Nach drei Verschiebungen wollte der DAX-Konzern endlich den geprüften Jahresbericht 2019 vorlegen. Der Morgen verging ohne eine Mitteilung und den meisten Marktteilnehmern schwante Übles. Um kurz vor 11 Uhr vormittags dann die Gewissheit: „Veröffentlichungstermin für Jahres- und Konzernabschluss 2019 verschoben wegen Hinweisen auf Vorlage unrichtiger Saldenbestätigungen“, teilte Wirecard mit. Die Aktie sackte zeitweise um mehr als zwei Drittel ein – es war nach Angaben von Bloomberg der grösste Tagesverlust eines DAX-Konzerns in der Geschichte. Die Wirtschaftsprüfer von EY konnten keine Hinweise auf die Existenz von Guthaben über EUR 1.9 Milliarden bei zwei asiatischen Banken finden. Dies entspricht in etwa einem Viertel der Bilanzsumme von Wirecard. Es gebe Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder beziehungsweise von Banken, die die Treuhandkonten führten, unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt worden seien. Damit solle ein falsches Bild erzeugt worden sein über das Vorhandensein der Guthaben – zum Vorteil von Wirecard. Und damit nicht genug: Die philippinische Bank BDO Unibank, bei der angeblich eines von zwei fraglichen Treuhandkonten für Wirecard geführt wurde, erklärte am vergangenen Freitag, dass das deutsche Unternehmen kein Kunde sei: „Das Dokument, in dem die Existenz eines Wirecard-Kontos bei BDO behauptet wird, ist ein manipuliertes Dokument, das gefälschte Unterschriften von Bankangestellten trägt.“ Dass sich Wirecard nun als Opfer eines Betrugs sieht und Anzeige gegen unbekannt eingereicht hat, gibt dem Ganzen noch eine zusätzliche bittere Note. “Unser Name ist Hase, wir wissen von nichts!“ Nein meine Herren, so läuft es nicht! Wir sind angesichts des Ausmasses des Betrugs, aber auch der gewählten Opferrolle von Wirecard, fassungslos. Es reicht unseres Erachtens nicht mehr aus, nur CEO Braun auszutauschen. Das Unternehmen braucht, auch um ein Minimum an Vertrauen seitens der Aktionäre zu gewinnen, einen kompletten Neuanfang – personell und operativ. Denn u.E. ist der gegenwärtige Vorstand und Aufsichtsrat nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Natürlich gilt wie immer die Unschuldsvermutung. Und es könnte für Wirecard noch viel schlimmer werden. Denn möchten Sie als potenzieller Kunden mit einem Unternehmen zusammenarbeiten, das in einen ausgewachsenen Bilanzskandal verstrickt ist? Es muss befürchtet werden, dass einige – wenn nicht sogar sehr viele – Wirecard-Kunden zur Konkurrenz wechseln. Des einen Leid ist des anderen Freud, wie es so schön heisst!
Konklusion:
Bei Wirecard ist alles noch viel schlimmer als befürchtet. Wir setzen das Rating für den DAX-Konzern erneut aus. Es braucht einen personellen und operativen Neustart!