
Nur wenige Tage nachdem die Stahlfusion mit Tata Steel endlich in trockene Tücher gewickelt war, schmiss ThyssenKrupp Chef Heinrich Hiesinger den Bettel hin und verkündete seinen Rücktritt. An der Börse wurde der Rückzug mit Freuden aufgenommen. Der Aktienkurs schnellte am Tag der Bekanntgabe deutlich in die Höhe. Für die meisten Marktteilnehmer scheint mit dem Rücktritt Hiesingers die Hoffnung verbunden, dass der Weg für einen schnelleren Umbau des Industriekonglomerats frei sein könnte.
Vom Retter zum Buhmann
Die Erfolge von Hiesinger scheinen vergessen zu sein. Er rettete die abgestürzte Ikone der deutschen Industrie vor der Pleite und erarbeitete dem Unternehmen einen Weg in eine bessere Zukunft. Er agierte dabei behutsam, Schritt für Schritt, was ihm jedoch vor allem von Seiten der beiden aktivistischen Aktionäre „Cevian“ und „Elliott“ immer wieder Kritik einbrachte. Beide wollten den deutschen Traditionskonzern im Schnelldurchgang sanieren. So sollten einige Teile des Unternehmens wie beispielsweise das Aufzugsgeschäft verselbstständigt und letztlich in fremde Hände gegeben werden. Zwar vermieden die Vertreter der beiden aktivistischen Finanzinvestoren das Wort „Zerschlagung“ und sprachen lieber von einem Befreiungsschlag. „Das grundsätzliche Problem bei Konglomeraten ist, dass sich das Management nicht auf alle Sparten gleichzeitig konzentrieren kann“, sagte Cevian-Gründer Lars Förberg in einem Interview. Thyssen-Krupp mache einfach zu viel. Ein neues Management, das den Umbau des Konzerns schneller vorantreibe, sei absolut notwendig. Hiesinger wollte ursprünglich in den kommenden Tagen seine Zukunftsstrategie für das Unternehmen vorstellen. Gemäss Gerüchten auf dem Handelsparkett ging es dabei um weitere Einsparungen und den Startschuss für den Verkauf des Handelsgeschäftes. Dies ist nun hinfällig. Zumal die Suche nach einem Nachfolger für den scheidenden CEO gerade erst begonnen hat. Zudem soll René Obermann sein Amt als Aufsichtsrat zur Verfügung gestellt haben – er stimmte gegen den Deal mit Tata und war dafür öffentlich kritisiert worden. Eine weitere Baustelle im Konzern.
Was macht die Krupp-Stiftung?
Der Weg für die beiden aktivistischen Aktionäre ist durch den Rückzug durch Hiesinger und Obermann zwar noch nicht freigeräumt. Aber die Hürden für einen schnelleren Konzernumbau sind zumindest vorderhand gesunken. Ob die Krupp-Stiftung, die graue Eminenz des Unternehmens, die sich ursprünglich den Erhalt des Unternehmens auf die Fahne geschrieben hatte, diesem Auftrag noch nachkommt, ist gegenwärtig zumindest fraglich. Die Kritik an der Stiftung wird zumindest lauter. „Berthold Beitz als der vorherige Verwalter des Krupp-Erbes hätte Cevian und Elliott nie so wüten lassen“, wird ein nicht namentlich genannter Top-Manager des Konzerns in Medienberichten zitiert. Zumal auch in der Stiftung der ursprüngliche Auftrag in den Hintergrund rückt. So gab es innerhalb der Stiftung eine Diskussion, wonach zumindest ein Teil der Thyssen-Krupp-Aktien verkauft und das Geld in andere Unternehmen investiert werden sollte. Nach einer Zerschlagung wäre das möglich – auch wenn es nicht dem Stiftungszweck dienen würde.
Konklusion:
Der endlich abgeschlossene Deal mit Tata Steel ist positiv. Doch durch den Rückzug von CEO Hiesinger entstehen neue Unsicherheiten. Wir halten an unserer Empfehlung fest: Halten!