
Zum ersten Mal seit knapp einem Jahrhundert übernimmt mit Ulf Mark Schneider ein Firmenchef von aussen das Ruder beim Schweizer Nahrungsmittelkonzern. Der Tabu-Bruch ist vor allem das Eingeständnis, dass sich der Konzern in eine Sackgasse manövriert hat, aus der er ohne externe Impulse wohl nicht mehr rauskommt. Das Geschäft mit Fertigprodukten und Süsswaren stagniert bestenfalls – die Konsumenten verlangen nach frischen Produkten und gesunder Ernährung. Kein Wunder also, dass der Lebensmittelkonzern eigentlich seit Jahren hinter den selbst gesteckten Wachstumszielen von 5% bis 6% hinterherhinkt. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016 dürften es wohl bestenfalls ein Wachstums von 3.5% gewesen sein. Damit würde Nestlé das vierte Jahr infolge das Ziel verfehlen. Das Süsswarengeschäft schrumpfte in den ersten neun Monaten 2016 um 1.4%, bei Milchprodukten und Speiseeis konnte der Konzern nur um 0.6% zulegen. Schneider kommt vom deutschen Health-Care-Konzern Fresenius – ein deutlicher Hinweis darauf, wo die Reise für den Schweizer Nahrungsmittelkonzern langfristig gehen dürfte: Weniger Schokolade, weniger Fertigprodukte und mehr Gesundheit. Denn das Geschäft mit gesundheitsfördernden Nahrungsmitteln gilt als grosses Wachstumssegment. Diese nimmt im Nestlé-Konzern mit seinen 2‘000 Marken und Geschäften in 189 Ländern aber nur einen kleinen – zu kleinen – Raum ein. Zwar beschwört Nestlé seit Jahren, dass man die „anerkannte Nummer 1 in Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden“ sein wolle. Innerhalb des Konzerns steuert die Konzernsparte „Nestlé Health Sciences“ mit CHF 2 Milliarden gerade 3% zum Konzernumsatz bei. Doch mit Schneider dürfte diese Floskel nun mit etwas mehr Leben gefüllt werden. Als CEO von Fresenius baute er über die Tochter „Kabi“ das Geschäft mit Nahrung für chronisch Kranke erfolgreich aus. Bei Nestlé soll der Umsatz in der Heath Sciences Sparte in den kommenden Jahren auf gut CHF 10 Milliarden steigen. Schneider fällt dabei eine zentrale Rolle zu. Er leitet das Gesundheitsgeschäft sowie die Hautpflege-Sparte Nestle Skin Health künftig selbst.
Wie der neue CEO die Sparte ausbauen will, ist bisher noch nicht bekannt. Wahrscheinlich dürfte Schneider jedoch vor allem auch Wachstum zukaufen. Denn der Konzern verfügt über reichlich Cash. Sofern Nestlé sich von seiner L‘Oreal-Beteiligung trennt, dürfte dem Schweizer Nahrungsmittelmulti fast CHF 60 Milliarden für Übernahmen zur Verfügung stehen. Allerdings sind solche Akquisitionen teuer, denn auch klassische Pharmafirmen drängen verstärkt in das Health-Care vor, was die Preise stark nach oben treibt.
Konklusion:
Nestlé bleibt auch aufgrund seiner ausgezeichneten Dividendenpolitik ein Basisinvestment für langfristig orientierte Anleger. Wir erhoffen uns zudem neue Wachstumsimpulse.