Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf biegt auf die Zielgerade ein. In gut einer Woche werden die stimmberechtigten US-Bürger entscheiden, wer die wichtigste Volkswirtschaft der Welt in den kommenden Jahren führen soll. Hillary Clinton vs. Donald Trump – für viele wohl eine Wahl zwischen Not und Elend. Es zeichnet sich aber bereits ab, dass sich das Bild von Amerika auf dem internationalen Parket vor allem auch punkto aussenwirtschaftlicher Wirkung ändern wird. Wahrscheinlich zum Nachteil der einst so stolzen Nation. Denn beide Anwärter auf den Präsidentschaftsposten haben in ihrem Wahlkampf ihre Abneigung gegen den unter Barack Obama forcierten Freihandel mehr oder minder offen zur Schau gestellt. Die Zeit der grossen Freihandelsabkommen wie TTIP zwischen den USA und Europa oder TPP zwischen den USA und zahlreichen Pazifik-Anrainern scheint vorbei zu sein. Sandra Navidi, Gründerin und CEO von BeyondGlobal und oft gesehene Expertin auf dem Nachrichtensender n-tv, schätzt, dass die Unterstützung für beide Freihandelsabkommen sowohl aufseiten der Demokraten als auch aufseiten der Republikaner nach den Wahlen deutlich sinken werde. Der Schutz der eigenen Volkswirtschaft steht an oberster Stelle, diesem werden alle noch so notwendigen wirtschaftlichen Expansionsanstrengungen untergeordnet. Der Protektionismus ist nicht nur in den USA allgegenwärtig. Dabei ist der Freihandel selbst für die stark auf den Binnenkonsum ausgerichtete amerikanische Volkswirtschaft entscheidend. Navidi schätzt, dass bis zu 40 Millionen Jobs direkt oder indirekt mit dem Freihandel verbunden sind. Der Washingtoner Konsens – dies legen die jüngsten Entwicklungen nahe – liegt im Sterben. Er besagte, dass freie Märkte das gesamtwirtschaftliche Wohl per Saldo verbessern. Eine Sichtweise, die ab Ende der 1990er Jahre und dem nachhaltigen Aufschwung in zahlreichen grossen und kleinen Schwellenländern ihren Siegeszug feierte. Die Finanzkrise 2007/08 war der Startschuss in eine Gegenbewegung, die durch die Entwicklung in den letzten Jahren noch verstärkt wurde. So dramatisch es auch klingen mag: Die Welt wurde noch nie in so grossem Ausmass von Führern regiert, die ihrem Nationalismus alles andere unterordneten. Russland, China, Indien, Südafrika, Malaysia und nun vielleicht sogar die USA. Es fehlt vielerorts ein Mindestmass an wirtschaftlicher Logik, auf der Investoren ihre Vorhersagen für politische Entscheidungsfindungen basieren können. Aus unserer Sicht wären beide Kandidaten guten beraten, den Kurs, den Barack Obama in Form zahlreicher Freihandelsabkommen einschlug, unverändert fortzusetzen. Vor allem das pazifische Bündnis TPP sollte grosse Bedeutung für die USA behalten. Dabei geht es nicht nur um den ungehinderten Zugang zu den asiatischen Märkten, sondern auch darum, der regionalen Macht China ein Gegengewicht entgegenzusetzen.
Konklusion:
Sowohl Clinton als auch Trump können mit Freihandelsabkommen wie TTIP oder TPP wenig anfangen. Doch ein Ende dieser offenen Politik wäre der Tod des Washingtoner Konsens.