
Wertvollstes Einhorn lässt Wall Street links liegen
Der noch für dieses Jahr geplante Börsengang von Ant Financial wirft seine Schatten voraus. Denn das IPO könnte zu einem der grössten in der Börsengeschichte werden. Noch hält diesen Rekord der Ölkonzern Saudi-Aramco mit einem Emissionsvolumen von USD 25.6 Milliarden im Jahr 2019. Ant Financial dürfte vielen Anleger und Konsumenten in der westlichen Welt noch relativ unbekannt sein. Der Zahlungsdienstleister wurde im Zuge des Börsengangs der Konzernmutter Alibaba im Jahr 2014 abgespalten, wird aber nach wie vor von Alibaba-Gründer Jack Ma beaufsichtigt. Das vor allem in Asien tätige Unternehmen, das neben Online-Bezahlfunktionen über die App „Alipay“ auch Kredite vergibt, Versicherungen abschliesst oder auch Vermögen verwaltet, kommt auf einen Kundenstamm von rund 900 Millionen Menschen und ist in China mit einem Marktanteil von gut 55% die absolute Nummer 1. An der Wall Street hatte man sich angesichts dieser Zahlen bereits die Hände gerieben. Ein Erfolg des IPO schien vorprogrammiert. In der Vor-Corona-Zeit wurde Ant Financial mit gut USD 200 Milliarden bewertet, was in etwa der Marktkapitalisierung von Paypal entsprach. Das junge Unternehmen gilt als das wertvollste Einhorn in der Fintech-Szene. Das IPO wäre eine rauschende Party an der Wall Street geworden, war man sich auf dem Handelsparkett sicher. Doch daraus scheint nichts zu werden. Denn Ant Financial wird nicht wie bereits 200 andere chinesische Unternehmen ein Listing in den USA anstreben, wie jüngst bekannt wurde. Stattdessen strebt der Zahlungsdienstleister eine Notierung in Hongkong und Shanghai an. In den USA hat die Ankündigung für Unruhe gesorgt, denn bisher war es unter chinesischen Techkonzernen ein fast ungeschriebenes Gesetz, ein US-Listing anzustreben und ein Zweitlisting in Hongkong. Die US-Börse dürfte diesen Fingerzeig des chinesischen Unternehmens durchaus mit gemischten Gefühlen wahrnehmen. Denn nicht wenige Marktbeobachter sehen in der Vorgehensweise des Unternehmens einen weiteren Hinweis darauf, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse von West nach Ost verschieben. Es könne der Beginn einer Verschiebung der Finanzmacht in Richtung China sein, wird auf dem Handelsparkett gemutmasst. Denn die Entscheidung von Ant Financial, die Wall Street zu umgehen, könnte die Initialzündung für weitere asiatische Techunternehmen sein, den US-Handelsplatz nicht mehr zu berücksichtigen. Die angestrebten neuen Transparenzregeln der US-Regierung in Bezug auf ein Listing chinesischer Firmen in den USA werden nun zum Bumerang. Und für den US-Aktienmarkt könnte es in Zukunft noch viel schwieriger werden. Denn bereits machen sich Spekulationen breit, dass sich auch Börsenstars wie Alibaba, JD.com oder Baidu vom US-Aktienmarkt zurückziehen und sich auf die Börsenplätze in Fernost fokussieren. China könnte damit auch im Finanzbereich zum grossen Konkurrenten der USA werden.
Konklusion:
Das wertvollste Einhorn der Welt plant das IPO in Shanghai und Hongkong. Die Wall Street lässt Ant Financial links liegen. Es könnte der Beginn einer Machtverschiebung an den Finanzmärkten sein!