
Die US-Notenbank weicht ihr starres Inflationsziel auf
Jerome Powell, der Chef der amerikanischen Notenbank Fed, hat geliefert, was die Wall Street erwartet hatte. Am jährlichen Notenbankertreffen in Jackson Hole, welches diesmal virtuell stattfand, kündigte der Fed-Chef eine grundlegende Änderung in der Geldpolitik an. War bisher ein Inflationsziel von 2% in Stein gemeisselt, kündigte Powell zu Beginn des Treffens ein neues, flexibleres Inflationsziel an. Demnach darf die Preissteigerung für eine Weile höher als 2% liegen, wenn sie sich zuvor für einen längeren Zeitraum darunter bewegt hat. Zugleich soll aber stets das Ziel der Vollbeschäftigung an erster Stelle stehen. Konkret ergeben sich aus den Ausführungen Powells zwei durchaus bemerkenswerte Schlüsse. Dass das Fed künftig auf ein flexibles Inflationsziel zusteuert, nährt u.E. die Annahme, dass die Notenbank an ihrer ultraexpansiven Geldpolitik deutlich länger festhalten könnte, als bisher erwartet wird. Denn selbst wenn die Inflation dereinst über 2% steigen sollte, steht das Fed nicht unter Handlungsdruck, die Teuerung zu drücken, und es kann seine wirtschafts- und kapitalmarktfreundliche Geldpolitik unverändert fortsetzen. Auch die Fokussierung auf die Vollbeschäftigung ist ein bemerkenswerter Schritt, der eine strukturelle Veränderung bedeutet. Denn bislang galt unter Währungshütern die Annahme, dass man zwischen einer zu geringen Arbeitslosenquote und einer zu hohen Inflation abwägen muss. Das Theorem der Phillipskurve rückt demnach in den Hintergrund. Ausschlaggebend hierfür dürfte die Entwicklung vor Ausbruch der Pandemie gewesen sein. Denn trotz eines heiss laufenden Jobmarktes, der die Arbeitslosenquote in den USA auf den tiefsten Stand seit 50 Jahren gedrückt hatte, zog die Inflation nicht spürbar an. Stattdessen hätten Geringverdiener endlich „Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen, die ihre Leben verändert haben“, betonte Powell bei seiner Ansprache in Jackson Hole. Kurzum: Die Arbeitslosenquote kann demnach zwar zu hoch, aber eigentlich nie zu niedrig sein. Das Fed will so auch das immer grösser werdende soziale Gefälle in den USA bekämpfen und kommt so auch politischen Forderungen nach. Denn der demokratische Präsidentschaftskandidat, Joe Biden, hatte jüngst gefordert, dass das Fed Ungleichgewichte auf dem Arbeitsmarkt und bei der Vermögensverteilung abfedern sollte. Wir erwarten, dass die Entscheidung des Fed Signalwirkung auf andere Notenbanken haben wird. Denn auch in der EZB wird seit geraumer Zeit über eine Strategieanpassung diskutiert, die zuletzt aber durch die Coronakrise verzögert wurde. Bisher strebt die EZB offiziell eine Teuerungsrate von „nahe an, aber unter 2%“ an. Die Erwartungen sind hoch, dass die Europäische Zentralbank im Rahmen ihrer strategischen Überprüfung neu ein Inflationsziel von 2% anstrebt, ohne die Betonung darauf, dass das Ziel eher unter- als überschritten werden soll. Dies wäre eine Entsprechung der neuen amerikanischen Gangart.
Konklusion:
Das Fed peilt ein neues, flexibleres Inflationsziel an und hebt die Vollbeschäftigung in den USA auf die Agenda. Eine Entscheidung mit Signalwirkung für die EZB!