Auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise im Jahr 2012 rückte eine Kennzahl ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die bis dahin kaum beachtet wurde: Die Target2-Salden. Eigentlich ist der Begriff Target2 lediglich der Name für ein Zahlungsverkehrssystem in der Eurozone, über das grenzüberschreitende Zahlungen der Zentralbanken abgewickelt werden. Die Forderungen und Verbindlichkeiten aller an Target2 teilnehmenden Zentralbanken werden gemäss einem Abkommen im Eurosystem an die EZB übertragen und dort saldiert, beschreibt M.M. Warburg die Funktionsweise. Vereinfacht gesagt: Beim Zahlungsverkehr entstehen Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB). Bei der überweisenden Notenbank entsteht eine Verbindlichkeit – ein negativer Target2-Saldo. Die empfangende Notenbank erhält eine Forderung – hier entsteht ein positiver Target2-Saldo.
Bis zum Ausbruch der europäischen Krise waren die Salden ausgeglichen. Dann – infolge des sinkenden Vertrauens in die Staatsfinanzen – gingen die Salden schlagartig auseinander. Weidmann: „Private Refinanzierungsquellen, einschliesslich des Interbankenmarktes, wurden weniger ergiebig, erschienen zu teuer oder versiegten nahezu ganz. Um den Liquiditätsbedarf abzudecken, wurden verstärkt Mittel beim Eurosystem aufgenommen.“ Im Sommer 2012 erreichte das Target2-Ungleichgewicht seinen Höhepunkt: Während Deutschland ein Plus von über EUR 700 Milliarden verbuchte, musste beispielsweise Spanien ein Minus von über EUR 400 Milliarden wegstecken. Die Target2-Salden sind jedoch viel mehr als ein Ausdruck wirtschaftlicher Ungleichgewichte. Sie geben letztlich Hinweise darauf, welche Banken aus welchen Ländern sich hauptsächlich über die Offenmarktgeschäfte der EZB refinanzieren müssen und welche Banken sich weiter am Interbankenmarkt refinanzieren können.
Angesichts dessen ist bedenklich, dass die Salden nach einer Phase der Entspannung infolge der „Whatever it takes“-Rede von EZB-Chef Mario Draghi wieder deutlich auseinanderdriften. Die Verbindlichkeiten der PIIGS Staaten nahmen seit Anfang 2016 von EUR 655 Milliarden auf EUR 744 Milliarden zu, während die Bundesbank in der gleichen Zeit ihre Forderungen von EUR 584 Milliarden auf EUR 681 Milliarden Euro erhöhte. Unseres Erachtens sorgen die vielen Probleme in Europa für einen Vertrauensverlust am Interbankenmarkt, was die Peripheriestaaten zwingt, wieder vermehrt Target2-Schulden aufzubauen. Zudem könnte auch das QE-Programm der EZB für den Anstieg mitverantwortlich sein. Der Verdacht liegt nahe, dass die Institute aus der Peripherie den Erlös aus dem Verkauf ihrer Staatsanleihen an die Zentralbank nicht in Form von Krediten weitergeben, sondern dazu nutzen, um teure ausländische Interbankkredite abzulösen, was den Saldo des Landes weiter in den negativen Bereich treibt. Wir sehen in der aktuellen Entwicklung keinen unmittelbaren Ausdruck eines steigenden wirtschaftlichen Ungleichgewichts in Europa, sondern sind vielmehr einen Ausdruck der durch die EZB ausgelösten Marktverzerrungen.