Der Handelsstreit zwischen den USA und China/Europa bleibt das dominierende Thema an den europäischen Börsen. De fakto befinden sich zumindest die USA und Europa bereits in den ersten Feuergefechten. Seit Ende vergangener Woche gelten die europäischen Strafzölle auf ausgewählte US-Waren und an der Front zwischen den USA und China sind die Waffen scharf. Am 6. Juli dieses Jahres treten die beidseitigen Schutzzölle in Kraft. Der Handelsstreit bekommt zudem jeden Tag neue Nahrung, indem die Erhebung von Zöllen, zuletzt von Indien und der Türkei, zunehmend ausgeweitet wird und eine immer grössere Dimension annimmt. Realistisch betrachtet, befindet sich die Weltwirtschaft am Vorabend eines Kriegs. Eine Deeskalation der extrem angespannten Lage ist u.E. nicht in Sicht – zu verhärtet scheinen die Fronten. In der Realwirtschaft hinterlässt der Konflikt bereits erste Spuren – abgesehen von den Kursabgaben an den Börsen. Gemäss einer Erhebung der Rhodium Group gingen die chinesischen Investments und Akquisitionen in den USA in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres um 92% auf lediglich noch USD 1.8 Milliarden zurück. Und da war der Krieg noch gar nicht ausgebrochen. Daimler musste eine Gewinnwarnung ausgeben, da man davon ausgeht, dass die Gewinne zunehmend unter dem Handelskonflikt zwischen den USA und China leiden werden. Die Analys-ten von Morgan Stanley erwarten, dass Daimler nur die Speerspitze war und andere Autobauer ihre Gewinnprognosen ebenfalls kappen werden. Mit der Gewinnwarnung von Daimler wird aus dem bisher abstrakten Thema „Handelskrieg“ nun eine konkrete Gefahr für die Aktienmärkte. Doch nicht nur in der Autobranche rumort es. Gewinnwarnungen kamen zuletzt auch von der Deutschen Post, den Textilunternehmen Esprit und Gerry Weber, CropEnergies, der britische Warenhauskette Debenhams und dem französischen Energieversorger Engie. Zugleich nehmen die Konjunkturforschungsinstitute gleich reihenweise und deutlich ihre Wachstumsprognosen für das laufende und teilweise auch das kommende Jahr zurück. In dieser Phase der konjunkturellen Unsicherheit, in der u.E. auch die kurzfristigen Rezessionsgefahren deutlich gestiegen sind, treiben das Fed und bald auch die EZB ihre geldpolitische Straffung voran. Umso verblüffender erscheinen uns die verbreitet positiven Aussagen zahlreicher Anlagestrategen. Die konjunkturelle Delle sei bald überwunden, die mittel- bis langfristigen Wachstumsaussichten der Unternehmen sein intakt. Entsprechend bleiben die Aussichten für die Börsen gut. Mit Verlaub: Wir sehen dies im Moment nicht – vor allem dann, wenn die Kanonen im Handelskrieg anfangen zu donnern. Natürlich werden die Börsen feiern, wenn die Handelskonflikte auf diplomatischem Weg gelöst werden. Nur dafür bräuchte es wohl einen neuen US-Präsidenten.
Konklusion:
Wir rechnen mit einer enttäuschenden Q2-Berichtssaison und einem erhöhten Abwärtsrevisionsbedarf bei den Prognosen. Den Anlegern stehen – Stand heute – heisse Börsenmonate bevor.