Dass die Europäische Zentralbank als auch die amerikanische Notenbank Fed gewillt sind, die derzeit abnehmende Konjunkturdynamik erneut mit billigem Notenbank-Geld zu stimulieren, hat zumindest an der Börse für Jubel gesorgt. Ob die obersten Geldhüter dies- und jenseits des Atlantiks punkto Wachstumsbeschleunigung aber wirklich noch viel bewegen können, wird von einer zunehmenden Zahl an Marktteilnehmern bezweifelt. Zwar bestünde die Chance, dass die EZB die darbende Konjunktur in der Eurozone stabilisiere. Ein neuer Wachstumsschub sei jedoch eher unwahrscheinlich. Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Regierungen – vor allem in Europa aber auch in den USA – aufgrund des dauerhaft tiefen Zinsniveaus ihrer fiskalpolitischen Verantwortung nicht mehr gerecht werden und die ohnehin kritische Verschuldung weiter vorantreiben. Zugleich werden unprofitable Zombiefirmen weiter am Leben gehalten und produktive Unternehmensinvestitionen verdrängt werden. Viel schlimmer ist jedoch, dass sie anscheinend den Blick der Politiker auf die Realität vernebelt. Denn, wie EZB-Chef Mario Draghi einmal mehr, aber bei der jüngsten Ratssitzung ungewöhnlich deutlich anmerkte, sei die Politik gefragt, endlich Reformen auf den Weg zu bringen. Denn die Geldpolitik funktioniert nur dann problemlos, wenn sie mit der Fiskalpolitik an einem Strang zieht. Nur seit Jahren ignorieren Europas Politiker die mahnenden Worte des EZB-Chefs und verlieren sich in Detailfragen zu mehr oder weniger „unwichtigen“ Themen. Nur keiner der Politiker wagt sich derzeit an die wirtschaftlich wirklich wichtigen Projekte: Deregulierung, eine gross angelegte Unternehmenssteuerreform und die Entwicklung eines Wirtschaftsmodells, welche die Bedürfnisse der starken und schwachen Euroländer unter einen Hut bringt. Zur Erinnerung: Die USA verzeichneten zuletzt 2017/2018 ein starkes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum – in einer Zeit also, in der die Geldpolitik gestrafft wurde, aber die Politik mit gross angelegten Projekten wie der Steuerreform und Deregulierungen das Umfeld für die Unternehmen deutlich verbesserte. Dies muss ein Vorbild für Europa sein. Wir gehen davon aus, dass die EZB die Konjunktur in der Eurozone dank neuer geldpolitischer Impulse zwar stabilisieren, aber nicht neu entfachen kann. Hierfür bräuchte es weitgehende Reformen auf europäischer Ebene. Ein höheres und nachhaltigeres Wachstum erscheint uns angesichts der Gesamt-Gemengelage in den kommenden Jahren daher unwahrscheinlich. Ähnlich wie in den USA zu Beginn des Jahrzehntes erscheint der Aufschwung in Europa blutleer.
Konklusion:
Europa braucht Reformen, um seine Wirtschaftskraft zu bündeln und das Wachstum nachhaltig zu stärken. Europa droht sonst eine blutleere Konjunkturentwicklung in den nächsten Jahren.