
Die Europäische Zentralbank bereitet die Märkte bzw. die Marktteilnehmer darauf vor, dass sie die Zinswende angesichts der bestehenden Unsicherheiten wahrscheinlich verschieben wird. Darauf deutet zumindest die Wortwahl von EZB-Chef Mario Draghi im Anschluss an die jüngste EZB-Sitzung hin. Hatte sich Draghi im Dezember 2018 noch um eine klare Aussage bezüglich der Unsicherheiten und deren Einfluss auf die europäische Konjunktur gewunden, so verzichtet er nun auf sprachliche Pirouetten: „Für die Wirtschaft im Euro-Raum überwiegen inzwischen die Risiken.“
Die Gründe sind allenthalben bekannt: Der von den USA geführte Handelskrieg gegen China, der zunehmende Protektionismus, die Verletzlichkeit grosser Schwellenländer, der Brexit, die sich mittlerweile mehr als deutlich abzeichnende europäische Konjunkturdelle und die Schwankungen an den Finanzmärkten. Ein Mix, der zu einem Vertrauensverlust führen kann, welcher die ohnehin fragile konjunkturelle Lage auf Dauer weiter belasten könnte. Die Warnhinweise für eine Konjunkturabkühlung in der Eurozone haben sich seit der EZB-Dezember-Sitzung zumindest weiter verdichtet. Der jüngst veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für die Industrie- und Dienstleistungsbranche im Euro-Raum sank auf den schlechtesten Wert seit fünfeinhalb Jahren. Darüber hinaus scheint die grösste Volkswirtschaft der Währungsgemeinschaft die Wachstumsprognose 2019 rigoros zusammenzustreichen. Gemäss Kreisen aus der Regierung wird die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 1.9% auf gerade noch 1.0% senken. Und sollte der Brexit tatsächlich chaotisch ablaufen, muss damit gerechnet werden, dass dies den Konjunkturabschwung nochmals beschleunigt.
Angesichts dessen sind wir mittlerweile überzeugt, dass die Europäische Zentralbank im laufenden Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach die Zinswende nicht in Angriff nehmen wird – nicht ohne Grund dürfte Draghi mittlerweile die Risiken für das Wachstum in der Eurozone betonen. Wir gehen mittlerweile davon aus, dass die EZB frühestens im ersten Quartal 2020 einen zaghaften Schritt in Richtung einer geldpolitischen Normalisierung vornehmen wird und den negativen Einlagenzins von 0.4% auf 0.2% reduziert – wobei der Einwand, dass dies noch keine geldpolitische Straffung ist, durchaus Berechtigung hat. Den ersten Zinsschritt erwarten wir erst Mitte 2020 und damit ein Jahr später, als wir ursprünglich erwartet hatten. Und selbst diese zeitliche Prognose steht auf wackligen Beinen. Denn vorlaufende Indikatoren deuten derzeit darauf hin, dass sich das Wachstum der US-Wirtschaft im kommenden Jahr deutlich abkühlen könnte, was auch Europa spüren dürfte. Ein Zinsschritt in einem solch fragilen Konjunkturumfeld dürfte die EZB jedoch nicht wagen – will sie die Wirtschaft nicht komplett abwürgen.
Konklusion:
Angesichts der Konjunkturrisiken sind der EZB punkto geldpolitischer Normalisierung die Hände gebunden. Selbst eine Zinserhöhung im Jahr 2020 ist mittlerweile ungewiss.