Sind Gewinnwarnungen ein Kaufsignal?
Dass der Aktienmarkt manchmal seinen eigenen Gesetzen folgt, zeigte sich in der vorangegangenen Woche einmal mehr sehr eindrücklich. Als der Autozulieferer Continental eine durchaus deftige Umsatz- und Gewinnwarnung herausgab, schwante uns für den kommenden Handelstag übles. Doch es kam ganz anders. Das Papier zog zeitweise um bis zu 7% an. Die omnipräsenten Handelskonflikte, welche das deutsche Export-Geschäftsmodell grundsätzlich in Frage stellt, die stotternde globale Güter-Nachfrage und der sich verschärfende Wettbewerbsdruck – kein Wunder also,wenn binnen kurzer Zeit Daimler, BASF, die Deutsche Lufthansa und eben Continental Gewinnwarnungen aussprechen. Alarmsignale allenthalben. Doch die Anleger scheint dies nicht mehr zu verunsichern. Statt Vorsicht walten zu lassen, greifen Anleger auch bei den Unternehmen zu, die auf schwere Zeiten zusteuern bzw. diese bereits durchlaufen. Eines vorweg: Eine eindeutige Erklärung, welche die doch sehr überraschende Reaktion der Anleger auf die zuletzt enttäuschende Entwicklung zahlreicher Unternehmen erklärt, haben auch wir nicht. So zuckten auch zahlreiche Marktbeobachter nur mit den Achseln, als wir sie auf die positive Reaktion der Conti-Aktie auf die Gewinnwarnungen des Unternehmens ansprachen. Letztlich lassen sich die positiven Kursreaktionen auf die eigentlich sehr schlechten Unternehmensdaten auf eine Frage herunterbrechen: Sind in den Aktienkursen mittlerweile alle schlechten Nachrichten und negative Erwartungen eingepreist, womit das Abwärtspotenzial ausgereizt erscheint, oder sind die Anleger nur erfreut, dass die Zahlen nicht noch schlechter ausfielen als ohnehin schon befürchtet? Während letztere Annahme wahrscheinlich nur für eine kurzfristige Erholung spricht, könnte erstere für eine längerfristige Erholung sprechen. Dass Aktien bei Prognosesenkungen gekauft werden, werten wir grundsätzlich als mittelfristig positives Signal. Denn es impliziert, dass der Aktienkurs mittlerweile viel Negatives vorwegnimmt. Eine schlecht laufende Konjunktur oder der Verweis auf die lahmende Autoindustrie reisst niemanden mehr vom Hocker. Es ist bekannt und eingepreist. Vielmehr erweitert man den Ereignishorizont: Denn wenn der Konjunkturwind wieder dreht, dann steigen die Gewinne ganz automatisch. So schrieben die Analysten Warburg zu Continental: Die Gewinnwarnung sei eine negative Nachricht. Die starke strategische Positionierung und das mittelfristige Potenzial für das Umsatzwachstum sprächen jedoch für den Wert. RBC Capital sieht beispielsweise beim Daimler-Aktienkurs einen nicht gerechtfertigten Abschlag auf die Summe der Unternehmensteile. Es gibt eine wachsende Anzahl an Faktoren, die dafür sprechen, wieder eine Wette auf eine bessere Zukunft einzugehen. Dies sollte jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Unsicherheiten so gross sind wie seit dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise nicht mehr.
Konklusion:
Die Anleger scheinen eine weiter anhaltende Konjunkturdelle bereits abgehakt zu haben. Sie wetten vermehrt auf ein sich verbesserndes Umfeld. Ein gewagtes Spiel!