Die ersten Schockwellen des Brexit-Referendums scheinen vom Markt gut verdaut worden zu sein. In der zurückliegenden Woche stabilisierten sich die Märkte europaweit – doch der scheinbare Optimismus, der die Marktteilnehmer mittlerweile wieder ergriffen hat und der die Aktienkurse zuletzt hat steigen lassen, könnte sich langfristig als eine gravierende Fehleinschätzung erweisen.
Das Brexit-Referendum war nicht ein „Lehman Brothers“, sondern viel eher ein Bear Stearns Ereignis. Im Zuge der Immobilienkrise in den USA mussten zunächst drei Hegde Funds der Bank im Jahr 2007 Insolvenz anmelden, Gerüchte über mögliche Liquiditätsengpässe bei der Bank machten die Runde. Zwar beteuerte das Management stets, dass die Bank nicht in Schieflage sei, der grosse Knall kam dann aber im Mai 2008, als die altehrwürdige Investmentbank in einer Nacht und Nebel-Aktion mithilfe der amerikanischen Notenbank Fed von JP Morgan Chase gekauft wurde. Die Aktienkurse rauschten in der Folge in die Tiefe, erholten sich aber derart schnell, dass die Sorgen bereits Ende Mai 2008 wie weggeblasen erschienen. „Die systemischen Risiken sind vom Tisch“, hiess es damals. Ein Irrglaube!
Und heute sind wieder ähnliche Worte zu hören. Der Brexit werde sich zwar negativ auswirken, aber das Schlimmste werde nicht passieren – auch heute scheinen die systemischen Risiken gebannt. Ja, der Crash ist nach dem Brexit-Referendum ausgeblieben und auch die Märkte sind nicht ausgetrocknet. Doch was ist, wenn der Brexit wirtschaftlich weitaus schlimmere Folgen hat als angenommen? Was, wenn die schwach kapitalisierten Banken in Europa durch höhere Kreditausfälle, wegbrechende Umsätze und Erträge sowie Wertberichtigungen auf Wertpapiere erneut in Schieflage geraten? Vor allem in Italien ein durchaus realistisches Szenario. Was ist, wenn die EU-kritischen Stimmen bei den Wahlen in Frankreich 2017 oder Deutschland 2017 massiv Zulauf erfahren? Was, wenn China angesichts einer zu erwartenden Konjunkturabkühlung in Europa erneut an den Devisenparametern dreht? Zwar gehen wir davon aus, dass die Notenbanken rund um den Globus in den kommenden Monaten alles unternehmen werden, um die Lage zu beruhigen. Wir schliessen nicht aus, dass die Tauben in den Reihen der amerikanischen Fed die Oberhand gewinnen und eine Leitzinserhöhung bis auf weiteres aufschieben. Selbst eine Zinssenkung im September wird mittlerweile von 17% der Marktteilnehmer erwartet – vor wenigen Wochen war dies noch Träumerei!
Natürlich: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich manchmal. Auf das heutige Bear Stearns Ereignis muss nicht zwingend ein Lehman-Event folgen. Aber Anleger sind gut beraten, nach solch einem Ereignis Ausschau zu halten und sich entsprechend zu positionieren.
Konklusion:
Wir halten vorerst an unserer sehr defensiven Portfolioausrichtung fest. Die Unsicherheiten erscheinen uns noch zu gross, um bereits wieder in den „Normal-Modus“ zu schalten!