
Konjunktur in Europa hinkt hinterher
Wenig überraschend hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Weichen in ihrer Geldpolitik unverändert belassen. Die Zinsen bleiben auf einem rekordtiefen Niveau und die Anleihenkäufe werden fortgesetzt. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde nochmals betonte. Denn die europäischen Staaten hängen bei der wirtschaftlichen Erholung hinter anderen Ländern wie den USA und natürlich China mittlerweile recht deutlich zurück. In China boomt die Wirtschaft, wie das BIP-Wachstum von 18% im ersten Quartal 2021 bereits deutlich zeigte. Und in den USA nimmt eine sehr kräftige Konjunkturerholung dank der laufenden Wiedereröffnung der Wirtschaft konkrete Formen an und ist nicht länger nur ein theoretisches Konstrukt.
Europa wird hingegen nach wie vor durch die dritte Pandemiewelle ausgebremst. Deutschland hat die Massnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung jüngst nochmals verschärft. Aber es gibt auch in Europa Lichtblicke in der Pandemie. Frank-reich hat den Peak der dritten Welle anscheinend hinter sich und diskutiert mittlerweile über erste Öffnungsschritte. Und Österreich will ab Mitte Mai die Wirtschaft unter Auflagen wieder öffnen. Zugleich nehmen die Impfkampagnen endlich Fahrt auf, was dazu führen sollte, dass die europaweiten Lockdown-Massnahmen in den kommenden Monaten schrittweise aufgehoben werden können. Dies sollte der Startschuss für eine starke Konjunkturerholung sein.
Doch selbst bei einer Rückkehr ins „normale“ Leben dürfte die EZB die aktuellen geldpolitischen Stellschrauben auf absehbare Zeit nicht anpassen. Spekulationen, dass sich die EZB bereits mit einem Auslaufen des Corona-Hilfsprogramms PEPP beschäftige, schob die EZB-Präsidentin einen Riegel vor. Für solche Gedanken sei „es noch zu früh“. Wir gehen davon aus, dass die EZB diesbezüglich abwarten wird, bis die US-Notenbank die internen Diskussionen in diese Richtung vorantreibt. Lagarde und ihre Mannschaft werden abwarten, wie die Wirtschaft, aber auch wie die Kapitalmärkte auf solch ein Szenario reagieren. Kurzum: An unserer bisherigen Sicht auf die Zukunft der Geldpolitik hat sich nichts verändert. Wir gehen weiter davon aus, dass die Anleihenkäufe noch mindestens bis 2022 beibehalten werden, und ein Zinsschritt ist nach wie vor nicht absehbar. Damit scheint sicher, dass die Liquiditätsschwemme, welche die Aktienkurse seit der Finanzkrise 2008/09 und der Eurokrise vor sich hertreibt, bis zur Mitte dieses Jahrzehntes anhält.
Konklusion:
Die EZB wird auf absehbare Zeit die Stellschrauben der Geldpolitik unverändert lassen. Der Krisenmodus, in welchem sich die Zentralbank befindet, wird in den kommenden Jahren Standard sein.