Die gute Nachricht im viel beachteten „Financial Stability Report“ des Internationalen Währungsfonds (IWF) zuerst: Kurzfristig erwarten die Experten des IWF keine akuten Schocks innerhalb der Finanzindustrie. Mittel- bis langfristig gestaltet sich die Lage aber wesentlich ungemütlicher. Das Wachstum dürfte auf absehbare Zeit schwach bleiben, zudem stellt das anhaltende Niedrigzinsumfeld und das immer engere regulatorische Korsett nicht nur die Banken, sondern auch Versicherer und Pensionsfonds vor immer grössere Herausforderungen, welche mittelfristig die Finanzstabilität gefährden könnten. Entsprechend fordert der IWF, dass die Banken der Eurozone ihre Geschäftsmodelle endlich gründlich überholen müssen. Hierzu müssten auch die Bilanzen von faulen Krediten entrümpelt und die Kapitalbasis gestärkt werden. Nach Schätzung des IWF könnten die Banken durch eine schnellere und effiziente Abarbeitung der faulen Kredite gut USD 80 Milliarden an Kapital freisetzen. Zudem würden Sparprogramme, schlankere Filialnetze und ein besserer Finanzierungsmix helfen, die Kosten um bis zu USD 40 Milliarden zu senken. Doch selbst diese Massnahmen stellen noch keine Überlebensgarantie für jedes Institut da. Der IWF rechnet damit, dass schwächere Spieler aus dem Markt verschwinden werden und die längst überfällige Konsolidierung endlich Fahrt aufnimmt. Denn die Banksysteme seien insgesamt überdimensioniert, so der IWF. Fakt ist: Während die amerikanischen Banken die Krise nutzten, um sich von Altlasten zu befreien und ihre Geschäfte neu auszurichten, verpasste die Mehrheit der europäischen Banken diese Chance. Sie werkelten lieber an ihrem alten Korsett weiter und scheuten schmerzliche Neuausrichtungen. Es gibt Ausnahmen, wie beispielsweise die UBS, die nicht nur ihr Geschäftsmodell radikal ummodellierte, sondern auch die neuen Herausforderungen (Stichwort: Digitalisierung) annimmt. Dass zuletzt auch die deutsche Commerzbank den Rückbau des Investmentbankings beschlossen hat und zugleich die interne Organisation strafft, begrüssen wir vor diesem Hintergrund. Die europäische Bankenbranche wird um tiefe Einschnitte nicht mehr umhinkommen – auch wenn dies heisst, dass die Institute die nächste operative Talsohle vor sich haben. Doch es wäre zu kurz gegriffen, allein den Banken die Schuld an der gegenwärtigen Lage zu geben. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die u.a mit ihrem negativen Einlagenzins je länger, je mehr die Banken schwächt, trägt eine Mitschuld. Die Geldpolitik läuft mittlerweile den Zielen entgegen, die Wirtschaft zu stärken und das europäische Bankensystem sicherer zu machen. Auch die überhandnehmende Regulierung sollte auf politischer Ebene endlich überdacht werden.
Konklusion:
Die Banken haben die Finanzkrise nicht genutzt, um sich neu auszurichten. Aber auch die EZB und die Regulierer tragen Mitschuld an der gegenwärtig angespannten Lage im Finanzsektor.