Wir haben in den vergangenen Monaten mehrmals auf den möglichen Fahrplan der EZB in Richtung geldpolitischer Normalisierung verwiesen. Nachdem die Europäische Zentralbank an ihrer jüngsten Zinssitzung den ersten Schritt in diese Richtung gemacht hat, legt jüngst EZB-Chef Mario Draghi noch eine Schippe drauf. «Wenn die Erholung anhält, dann wird eine unveränderte Geldpolitik akkommodierender, und die Zentralbank kann die Erholung begleiten, indem sie die Parameter ihrer Politikinstrumente anpasst – nicht, um die geldpolitische Ausrichtung zu straffen, sondern um sie weitgehend unverändert zu halten», sagte Draghi vor gut einer Woche im portugiesischen Sintra. Es war das erste Mal seit Beginn der historischen Nullzinsphase, dass der EZB-Chef die Möglichkeit einer «graduellen Anpassungen» sprach. Auch bezüglich der niedrigen Inflation änderte Draghi seine Wortwahl. «Es gibt zwar Faktoren, die den Inflationspfad belasten, aber gegenwärtig sind das hauptsächlich vorübergehende Faktoren, über die eine Zentralbank typischerweise hinwegsehen kann», sagte er. So wenig überraschend die verbale Wende des europäischen Notenbankers aus unserer Sicht auch ist, an den Märkten reagierten die Teilnehmer verschreckt. Der Euro stieg gegenüber dem Dollar deutlich an und die Aktienmärkte innerhalb der Währungemeinschaft gerieten in einen zeitweise kräftigen Abwärtsstrudel. Angesichts der negativen Marktreaktion versuchten EZB-Offizielle zwar die Aussagen des EZB-Chefs zu relativieren. Doch an den Märkten wiegt eine sorgfältig formulierte Draghi-Rede schwerer als relativierende Aussagen anderer EZB-Offizieller. Es dürfte der EZB schwerfallen, die Lawine, die Draghi mit seiner Rede ausgelöst hat, wieder aufzuhalten. Die jüngste Entwicklung bestätigt bis dato unsere Sicht auf den möglichen Ausstiegsfahrplan der EZB. Wir gehen davon aus, dass die EZB spätestens im vierten Quartal 2017 erste konkrete Aussagen bezüglich des Endes des quantitativen Easing geben wird. Wir gehen ab 2018 von einer schrittweisen Rückführung der Wertpapierkäufe aus. Den ersten Zinsschritt erwarten wir frühestens Mitte 2018, wahrscheinlich jedoch erst Ende des kommenden Jahres. Kurzfristig dürfte die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank die Stimmung an den Euro-Börsen trüben. Dies ändert jedoch nichts an den grundlegend guten konjunkturellen Aussichten für die Währungsgemeinschaft. Aus unserer Sicht sind die gegenwärtigen Kursrückgänge sogar begrüssenswert, schaffen sie doch wieder etwas mehr Luft nach oben und verbessern die Aussichten für das zweite Halbjahr.
Konklusion:
Die Ausführungen dürften die Märkte nur temporär belasten. Wir gehen davon aus, dass die Anleger die Richtungsänderung schon bald als Ausdruck der konjunkturellen Stärke interpretieren.