
Es ist ein Brandbrief der besonderen Art, den Continental-Chef Elmar Degenhart und seine Vorstandskollegen vor wenigen Tagen an gut 400 Senior-Executives verschickten. Nach zwei Gewinnwarnungen binnen weniger Monaten scheint dem CEO der Kragen geplatzt zu sein. „Auf diesem falschen Gleis fahren wir keinen Meter weiter. Dieser Zug stoppt genau hier und jetzt!“, heisst es in dem Rundbrief des insgesamt achtköpfigen Continental-Vorstands. Einige Führungskräfte, so ist dem Schreiben zu entnehmen, hätten den Ernst der Lage scheinbar noch nicht verstanden. Es werde personelle Änderungen mit sofortiger Wirkung geben, kündigte der Vorstand unverblümt an. Zu Recht beklagt der Vorstand den enormen Vertrauens- und Wertverlust, den Continental in den vergangenen Monaten erlebt hat. Vor allem mit Blick auf den geplanten Börsengang des Bereichs „Powertrain“ scheint der Druck auf das oberste Management gross zu sein. „Unsere Stakeholder äussern ihre Zweifel an unserer operativen Leistungsfähigkeit, unserem Kostenbewusstsein und unserer Fähigkeit, zuverlässige Prognosen zu stellen“, heisst es. Dies ist Gift für den geplanten Börsengang und könnte das Vorhaben des Konzerns vorzeitig bodigen und den geplanten Konzernumbau (Holding-Struktur) deutlich erschweren. Ein effektives Kostenbewusstsein – und daran gibt es keine Zweifel – ist eine gesamtunternehmerische Verantwortung, die jeder einzelne zu tragen hat. Doch die Kostenkontrolle als auch die Erstellung und Einhaltung von Prognosen ist Chefsache. Der Brandbrief des Continental-Vorstands mag als Weckruf gemeint sein, ist aber letztlich aus unserer Sicht eine Bankrotterklärung des obersten Top-Managements. So soll ein halbes Dutzend der 27 Business-Units dafür verantwortlich sein, dass „Vertrauenskapital“ verspielt wurde. Sie hätten wiederholt die Renditeziele verfehlt, hier laufe es „zum Teil schon seit längerer Zeit anders“, Ausreden wolle man keine mehr hören. Seit längerer Zeit? Wenn es also bekannt war, warum hat das Top-Management nicht eher agiert? Warum wurden die Zügel nicht vorher angezogen? Warum hat der Vorstand den drohenden Vertrauensverlust nicht erkannt und frühzeitig Gegensteuer gegeben? Fragen, auf die CEO Degenhart ebenfalls Antworten liefern sollte. Die Führung eines Unternehmens obliegt dem Vorstand und dem CEO im speziellen. Diese Verantwortung auf die zweite oder dritte Führungsebene abgeben zu wollen, ist das Eingeständnis des eigenen Versagens der Unternehmensführung. CEO Degenhart könnte mit dem Brandbrief ein Eigentor geschossen haben. Vor allem die Stakeholder dürften die Rolle und die Tragfähigkeit des Chefs hinterfragen. Degenhart hat vor allem eines erreicht: Seine eigene Position zu schwächen.
Konklusion:
Bei Continental ist das Kind in den Brunnen gefallen. Eine Verlustrealisierung auf diesem Niveau erscheint uns nicht sinnvoll. Anleger sollten eine Erholung abwarten und dann verkaufen!